Vor 70 Jahren – Aufstand in der DDR

Griff nach der Freiheit – Der 17. Juni 1953

Die Franzosen feiern den Sturm auf die Bastille – die ganze Welt weiß, worum es geht. Ebenso beim Independence Day der USA. Aber warum ist der 3. Oktober der deutsche Nationalfeiertag?
Viele wissen das nicht. Dabei gab es einen Tag, an dem auch in Deutschland Gefängnisse gestürmt wurden. Gefängnisse, in denen Unschuldige als politische Gefangene einsaßen: der 17. Juni 1953 – für einen Moment stand das DDR-Regime nah am Abgrund.
Sogar die Wiedervereinigung schien denkbar. Dann stellten sowjetische Panzer “Ruhe und Ordnung” wieder her. In der Bundesrepublik wurde der “17. Juni” fortan als “Tag der deutschen Einheit” gefeiert, in der DDR wurde er totgeschwiegen. 1990 wurde er nicht zum Nationalfeiertag für das wiedervereinigte Deutschland erhoben – sondern abgeschafft.
Sieben Jahrzehnte nach dem Ereignis ist immer noch nicht entschieden, wie wir uns zu diesem einzigartigen Tag in der deutschen Nachkriegsgeschichte stellen: War es ein Arbeiteraufstand, weil er ja hauptsächlich von Arbeitern getragen wurde? War es ein Volksaufstand, weil er in Windeseile alle Bevölkerungsschichten ergriff und in Städten wie Dörfern gleichermaßen entbrannte? War es gar eine weitere gescheiterte deutsche Revolution?
Der Film erzählt die Geschichte des Aufstands, der blutig niedergeschlagen wurde und in dessen Folge über 50 Menschen starben, und reflektiert zugleich über seine Bedeutung für Deutschland heute. Es gibt immer noch Neues zu entdecken. Ist es eigentlich richtig, dass der Aufstand am 16. Juni bei den Bauarbeitern der Stalinallee ausbrach? Oder fing es bereits am 12. Juni an, als in der Stadt Brandenburg politische Gefangene befreit wurden? Der “17. Juni” ist nie ganz aus dem Zwielicht herausgetreten, in das ihn geschickte Propaganda stellte.

Im Fernsehen war dieser beeindruckende Film (45 Minuten, aus dem Jahr 2013, auch mit verschiedenen Zeitzeugen, u.a. Klaus Staeck) zu sehen. Er enthält auch Aufzeichnungen der Stasi-Kameras.

Der Film ist erhältlich über: buero@schmidt-paetzel.de

Wikipedia enthält einen ausführlichen Artikel über den Aufstand vom 17. Juni 1953.

Eigenes Erleben: Wir (Oma, Mutter und meine Schwester) wohnten in Brandenburg an der Havel. Ich konnte den Demos und die anrollenden sowjetischen Panzern von unserem Wohnungsfenster im 1. Stock, neben einer Straßenkreuzung, gespannt beobachten. Sieben Jahre war ich damals alt. Meine Schwester war schon 17 Jahre alt, sie zog auf den Straßen begeistert mit. Meine Mutter hatte deswegen schreckliche Angst. Über den RIAS Berlin konnten wir die Berichte aus Berlin hören.

Meine Beobachtung am Rande vom Fenster: Die Straße war inzwischen leer, keine Panzer mehr. Da ging ein älterer Mann alleine vorbei. An dem benachbarten Haus der damaligen Gewerkschaft (FDGB) blieb er stehen, schaute deren politische Sprüche an und riss deren Aushangkasten voller Wut von der Wand ab, warf ihn auf den Boden und zertrampelte ihn mit Füßen. Und ging ruhig weiter. Eine Ein-Mann-Demo.

Privatfirmen fürchteten mit Recht der Konsequenzen des Aufstandes. Der Chef meiner Mutter flüchtete mit Familie über Berlin in die USA. Meine Mutter als Buchhalterin löste den Betrieb auf, erhielt aber bedrohliche Hinweise. Einen Monat später fuhren wir über die Glienicker-Brücke nach West-Berlin, Onkel-Besuch hieß es. Auf westlicher Seite nach den Kontrollen (wir hatten kein Gepäck: meine Mutter und meine Schwester hatten dies stückchenweise schon nach West-Berlin gebracht) erfuhr ich, dass wir die Wohnung in Brandenburg bei der Oma für immer verlassen hatten. Über Flüchtlingslager in Berlin, nach den Kontrolle durch die Alliierten (US, GB, Frankreich) erhielt meine Mutter den sog. C-Ausweis für Flüchtlinge. Die wirklich lieben Verwandten in Bayern (Wunsiedel) erklärten sich bereit, uns aufzunehmen. So konnten wir Berlin per Flugzeug nach Hannover verlassen. Später kam unsere Oma per Ausreiseantrag nach.

Meine Schwester konnte ihr Abitur nicht machen: Russisch war nicht zugelassen. Über eine Berufsaufbildung holte sie es nach (2. Bildungsweg) und wurde Ingenieuse für Feinmechanik und Optik. Sie war mathematisch hoch begabt. Meine Mutter fand bald Arbeit und eine Wohnung in Schwarzenbach a.d. Saale.

Es war ein aufregender Sommer. Für mich begann dann das 2. Schuljahr.

Aufstände in Polen, Ungarn, Prag und schließlich das Ende der DDR folgten.

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